10. Genossenschaftstag in Leutkirch

Potenzial in der Kommunal- und Gesundheitswirtschaft

(v.l.) Rüdiger Jacob, Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender der in.Silva Internationale Holzhandels- und Logistikgenossenschaft eG, Leutkirch, Dr. Roman Glaser, Präsident Baden-Württembergischer Genossenschaftsverband, Stefan Scheffold, Vorstandsmitglied der Leutkircher Bank - Raiffeisen- und Volksbank - eG

Im Allgäu wird gefeiert: Am Samstag, 2. Juli, veranstaltet der Baden-Württembergische Genossenschaftsverband (BWGV) den bereits 10. Genossenschaftstag, in diesem Jahr in Leutkirch (Kreis Ravensburg) und damit erstmals in der Region Allgäu und Oberschwaben. Das genossenschaftliche „Familientreffen“ fällt in eine Zeit, in der die Rechts- und Unternehmensform der eingetragenen Genossenschaft (eG) bei den Menschen immer beliebter wird und stetig an Bedeutung gewinnt: Sowohl die Vielfalt an Genossenschaften als auch die Zahl der Mitglieder nimmt zu. Mit mehr als 3,85 Millionen Genossenschaftsmitgliedern ist Baden-Württemberg das „Land der Genossenschaften“ – denn der Südwesten hat deutschlandweit die mit Abstand höchste Dichte an Genossenschaftsmitgliedern. „Noch erhebliches Potenzial für Genossenschaften besteht unter anderem in der Kommunalwirtschaft und im Gesundheitswesen – insbesondere im ländlichen Raum, aber auch in den Städten“, sagt BWGV-Präsident Dr. Roman Glaser in Leutkirch.„Unsere sehr erfreuliche Mitgliederentwicklung zeigt, wie beliebt Genossenschaften bei den Menschen sind, aber auch, wie sehr sich unsere Rechts- und Unternehmensform für die Bewältigung vieler Zukunftsherausforderungen eignet“, so Glaser. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Genossenschaftsmitglieder im Land um mehr als 450.000 angewachsen. Ursache dieser Entwicklung sind viele Neugründungen von Genossenschaften. Zudem werden immer mehr Menschen bewusst Mitglied bei ihrer Volksbank oder Raiffeisenbank. Noch nie gab es so viele unterschiedliche Genossenschaften in Baden-Württemberg wie heute. Die aktuell etwa 840 Unternehmen in der Rechtsform der eG verteilen sich auf rund 50 Branchen. „Genossenschaften können sowohl ein Modell für Kooperationen im Mittelstand sein als auch den Strukturwandel im ländlichen Raum begleiten“, erläutert Glaser. In den vergangenen zehn Jahren sind allein im Südwesten 270 neue Genossenschaften gegründet worden. „Dies zeigt, wie gut unsere Unternehmensform für viele Geschäftsideen und Formen der Kooperation passt“, betont der Präsident des BWGV. Unter den Unternehmensgründungen im Land befinden sich immer mehr Gründungen von Teams. So wird mittlerweile etwa jede dritte Gründung in einer Kooperation oder von mehreren Personen realisiert. „Dies ist eine sehr positive Entwicklung, die noch erhebliche Chancen für Genossenschaften bietet“, sagt Glaser. Im ersten Halbjahr 2016 gab es im Südwesten bisher zehn Gründungen von Genossenschaften, 15 weitere Projekte befinden sich in der Gründungsphase.

 

Neugründungen in vielen spannenden Feldern – Lob von Kretschmann

Bisher entstanden beziehungsweise entstehen 2016 neue Genossenschaften in den Bereichen Nahwärme, Windkraft, Nahversorgung, Wohnen und Betreuen, Beraternetzwerke, Großhandel im Handwerk, Ärzte und Gasthäuser. Ein Schwerpunkt in der Gründungsberatung des BWGV sind Genossenschaften im kommunalen Umfeld: Neben dem Breitband-Ausbau und der ärztlichen Versorgung stehen auch Themen wie Mobilität, Betreuung und Bildung auf der Agenda. Genossenschaftliche Arztpraxen etwa stellen ein interessantes Modell dar, um dem zunehmenden Hausärztemangel – gerade im ländlichen Raum – entgegenzuwirken, zum Beispiel durch genossenschaftlich getragene Praxisräume, Praxisgenossenschaften oder auch mobile Praxen und ärztliche Notdienste. „Genossenschaften können dort eine Lösung sein, wo sich die öffentliche Hand nicht mehr so stark wie bisher engagieren will oder kann. Die eingetragene Genossenschaft verbindet in idealer Weise wirtschaftlichen Erfolg mit sozialer Verantwortung – und sie kommt dem Wunsch der Menschen nach Mitbestimmung entgegen“, verdeutlicht Glaser. Auch deshalb wurde 2015 unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit großem Erfolg das „Baden-Württembergische Jahr der Genossenschaften“ gefeiert. Mit zahlreichen Veranstaltungen hat der BWGV dabei auf die enorme Vielfalt und Stärke von Genossenschaften hingewiesen. „Wenn die Menschen vor Ort die Initiative ergreifen und Lösungen für dringende Aufgabenfelder durch die Gründung einer Genossenschaft finden, so ist das sehr begrüßenswert“, lobte Winfried Kretschmann ausdrücklich die genossenschaftlichen Initiativen.

 

Genossenschaften – vom Handelsriesen bis zum Bürgerbahnhof

Die Vielfalt an genossenschaftlichen Unternehmen in Baden-Württemberg reicht von den Handelsriesen Intersport und Euronics über die Volksbanken und Raiffeisenbanken, die landwirtschaftlichen Genossenschaften bis zum Landgasthof, Dorfladen oder zur genossenschaftlich organisierten Kinderbetreuung und Schule. Vermehrt gegründet werden auch Ärztegenossenschaften, Kooperationen für Berater, Gärtner und Druckereien sowie Schwimmbad- oder Kultur- und Marketing-Genossenschaften. Ein besonders beeindruckendes Beispiel ist der Leutkircher Bürgerbahnhof, auf dessen Gelände der 10. Genossenschaftstag gefeiert wird. 2010 haben engagierte Bürger der Stadt eine Genossenschaft gegründet, um gemeinsam den maroden Bahnhof zu kaufen und zu renovieren. Heute ist das Schmuckstück eine sehr beliebte Anlaufstelle, wird erfolgreich betrieben und ist deutschlandweit bekannt. Die Genossenschaft zählt mittlerweile mehr als 700 Mitglieder.

 

Genossenschaftstag in Leutkirch: Unterhaltung und interessante eGs

Der traditionell am ersten Samstag im Juli begangene Internationale Genossenschaftstag steht ganz im Zeichen der 160 Jahre alten Rechts- und Unternehmensform eG. Auf dem Platz vor dem Leutkircher Bürgerbahnhof präsentieren sich von 10 bis 15 Uhr neben der Bürgerbahnhof eG zahlreiche Genossenschaften mit ihren vielfältigen und erfolgreichen Geschäftsmodellen – von Banken über Handwerks- und Handelsgenossenschaften bis zu Landwirtschafts- und Energiegenossenschaften. Neben der Leutkircher Bank, der Genossenschaftlichen FinanzGruppe sowie dem Gewinnsparverein der Volksbanken und Raiffeisenbanken in Baden-Württemberg sind die Kaminbauer der Hagos eG aus Stuttgart, die Raiffeisen Bezug + Absatz eG Bad Waldsee und die Allgäuer Emmentaler Käserei Leupolz eG vertreten. Auch die Energiegenossenschaft Leutkirch eG und die in.Silva Internationale Holzhandels- und Logistikgenossenschaft eG präsentieren sich am 2. Juli. Daneben ist für Unterhaltung gesorgt: Auftritte diverser Musikgruppen stehen ebenso auf dem Programm des Genossenschaftstags wie der oberschwäbische Barde Bernhard Bitterwolf, eine Verlosung und ein abwechslungsreiches Kinderprogramm. Der Genossenschaftstag in Leutkirch, das dieses Jahr sein 1250-jähriges Bestehen feiert, wird um 10 Uhr durch Oberbürgermeister Hans-Jörg Henle, BWGV-Präsident Glaser und Rosemarie Miller-Weber, Vorstandsvorsitzende der Leutkircher Bank, eröffnet.

 

„Genossenschaften genießen zu Recht großes Vertrauen, weil sie sich mit ihren seriösen und regionalen Geschäftsmodellen immer wieder als ein Hort der Stabilität erweisen“, verdeutlicht Glaser. „Noch nie hat etwa ein Kunde einer Volksbank oder Raiffeisenbank auch nur einen Cent seiner Einlagen verloren.“ Darüber hinaus sind Genossenschaftsbanken seit mehr als 150 Jahren zuverlässige und faire Partner des Mittelstands – gerade auch in schwierigen Zeiten. Nicht zuletzt hat die Finanzmarktkrise 2007/2008 einen wahren Mitgliederboom bei den Genossenschaftsbanken ausgelöst.

 

„Menschliches Geschäftsmodell mit regionalem Bezug“

Der Trend, Mitglied einer Genossenschaft zu sein, ist auch in der Region Allgäu und Oberschwaben ungebrochen. „Die genossenschaftliche Idee macht unser Geschäftsmodell einzigartig“, betont Stefan Scheffold, Vorstandsmitglied der Leutkircher Bank. Das Institut ist stellvertretend für die Volksbanken und Raiffeisenbanken der Region Gastgeber des Genossenschaftstags. „Die Menschen suchen gerade in unruhigen Zeiten nach Werten und einem menschlichen Geschäftsmodell mit regionalem Bezug“, verdeutlicht Scheffold. „Vertrauen, Respekt, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Sicherheit sind genossenschaftliche Werte, auf die wir immer vertraut haben und auch in Zukunft vertrauen werden.“ 2016 feiert die Leutkircher Bank ihr 150-jähriges Bestehen. „Dass der Genossenschaftstag in unserem Jubiläumsjahr in Leutkirch stattfindet, freut mich ganz besonders“, sagt Scheffold. Im Mittelpunkt des Genossenschaftstags steht das Alleinstellungsmerkmal der Genossenschaften, die Mitgliedschaft. „Mitglieder sind Bankteilhaber. Für sie wurden die Genossenschaftsbanken gegründet und ihnen gehört die Bank.“ Bei der Leutkircher Bank vertrauen inzwischen mehr als 28.500 Mitglieder auf diese Stärke. Gut 280 Mitarbeiter betreuen ein Kundenvolumen von 2,42 Milliarden Euro. Die Bilanzsumme beträgt 1,09 Milliarden Euro. Genossenschaftsbanken sind als leistungsfähige und kompetente Partner der Menschen und Unternehmen fest in ihren Regionen verankert. Sie übernehmen Verantwortung als Arbeitgeber, Ausbilder, Sponsor, Investor und vor allem als Finanzierer des örtlichen Mittelstands. Insgesamt gibt es in Baden-Württemberg 205 Volksbanken und Raiffeisenbanken, die mit fast 24.000 Mitarbeitern ein Geschäftsvolumen von gut 146 Milliarden Euro betreuen und 3,68 Millionen Mitglieder zählen.

 

in.Silva: Auch im Holzhandel erreicht die Gemeinschaft mehr

Eine ebenfalls erfolgreiche Genossenschaft ist die in.Silva Internationale Holzhandels- und Logistikgenossenschaft eG. Sie gründete sich im November 2004 und ging im Frühjahr 2005 in Ochsenhausen in Oberschwaben an den Start. Die zehn Mitarbeiter der seit 2007 in Leutkirch ansässigen Genossenschaft kümmern sich um die Vermarktung des Holzes von rund 60 Mitgliedern. Dies sind überwiegend Forstbetriebe, Forstbetriebsgemeinschaften und Waldbesitzervereinigungen in Baden-Württemberg und Bayern, über die etwa 30.000 Waldbesitzer organisiert sind. Die in.Silva eG kauft insbesondere Kleinmengen Fichten-Stammholz der Genossenschaftsmitglieder, bündelt diese zu attraktiven marktkonformen Großeinheiten und liefert diese zu marktgerechten Konditionen an Großsägewerke. Damit profitieren die Waldbesitzer und kleinen Forstbetriebe von einer deutlich besseren Marktposition gegenüber der Sägeindustrie. Der Hauptvorteil für die Abnehmerseite: professionelle, vertragstreue Belieferung mit Rundholz auch aus dem Kleinprivatwald. Die jährliche Vermarktungsmenge der in.Silva liegt zwischen 350.000 und 450.000 Festmeter, hauptsächlich Fichten-Fixlängen-Sortimente. Damit ist in.Silva neben den staatlichen Forstbetrieben und Forstverwaltungen ein bedeutender Anbieter dieses Sortiments.

 

Die Kräfte bündeln – und dabei eigenständig bleiben

Die eingetragene Genossenschaft bietet sich immer dann an, wenn Wirtschaftsakteure ihre Kräfte bündeln und die Vorteile der Kooperation nutzen möchten, ohne dabei ihre Eigenständigkeit aufzugeben. Der Wesenskern einer jeden Genossenschaft ist: Das Mitglied steht immer im Mittelpunkt, es bestimmt mit und wird gefördert. In den vergangenen Jahren gab es mit mehr als 140 Gründungen die größten Zuwächse bei Energiegenossenschaften. Insgesamt gibt es im Südwesten 301 gewerbliche Genossenschaften mit 60.800 Mitgliedern. Knapp 4.700 Mitarbeiter erwirtschaften fast 5 Milliarden Euro Umsatz. Die 336 landwirtschaftlichen Genossenschaften in Baden-Württemberg (105.600 Mitglieder) erzielen einen Umsatz von mehr als 3,4 Milliarden Euro – mit Getreide, Obst, Gemüse, Milch, Wein und vielem mehr. Sie beschäftigen fast 5.900 Mitarbeiter im gesamten Bundesland.

 

Gut 34.000 Menschen im Südwesten arbeiten bei Genossenschaften

Der BWGV, der 2009 aus dem Badischen und dem Württembergischen Genossenschaftsverband hervorgegangen ist, hat gut 900 Mitglieder, davon 842 Genossenschaften mit mehr als 3,85 Millionen Einzelmitgliedern. Gut 34.000 Menschen in Baden-Württemberg arbeiten für genossenschaftliche Unternehmen, darunter 3.200 Auszubildende.